Young Professionals besuchen Workshop Pharma 4.0

Karlsruhe. Am 28. und 29.06.2017 versammelten sich Mitglieder der ISPE DACH Affiliate und damit Vertreter aus dem großen Spektrum der Automatisierung- und Pharmaindustrie in der Process Automation World von Siemens in Karlsruhe zum Workshop „Pharma 4.0 – Digitalisierung in der Pharmaindustrie“. Die Veranstaltung wurde zusätzlich von drei Table-Top-Austellern untermalt. Die ISPE DACH Young Professionals wurden eingeladen, mit zwei Mitgliedern kostenlos teilzunehmen und entsendeten Alexandros Papadopoulos und Robin Schiemer, zwei studentische YPs des Karlsruher Instituts für Technologie, die in diesem Report ihre Erfahrungen und Perspektiven schildern.

Nach einem einladenden Empfang in der Process Automation World begrüßte der Direktor für Projektentwicklung der Life-Science und Pharmaindustrie von Siemens, Bart Moors, alle Teilnehmer des Workshops und leitete die Thematik der anstehenden zwei Tage ein. Unter dem Aspekt der Fabrik der Zukunft wurde die Digitalisierung dieser historisch als vierte industrielle (R)evolution eingeordnet und damit auch gleich die erste große Fragestellung aufgeworfen: Wie wird diese Digitalisierung im Vergleich zu den Integrationen der damaligen Technologien, die die vorhergegangenen industriellen Revolutionen hervorgebracht haben, ablaufen?

Aufgrund der Veränderung der Business Driver in der Pharmaindustrie werden Technologien, die es schon seit 20 Jahren gibt, allmählich umgesetzt. Siemens fokussiert sich dabei auf die Optimierung von Schnittstellen. Während der Präsentation fielen Schlagwörter wie Big Data, Simulation und das Internet of Things, die uns im weiteren Verlauf des Workshops und in der Zukunft der Industrie immer wieder begegnen sollten.

Beinahe nahtlos knüpfte Keynote-Sprecher Prof. Andreas Lischka von der Hessischen Berufsakademie Kassel mit seinem Vortrag über die Auswirkungen auf die Arbeitswelt und Potenziale von Industrie 4.0 an und verwickelte das Publikum in rege Diskussionen. Unter der Vision der präventiven und individualisierten Medikation referierte Prof. Lischka über Prozesse der Umstrukturierung des Arbeitsplatzes und Integration neuer Technologien.  Die voranschreitende Automatisierungstechnik und Maschinenkommunikation werde zum Wegfall vieler Routinetätigkeiten führen aber gleichzeitig auch alle Mitarbeiter vor komplexere Aufgaben stellen. Ein weiterer Gesichtspunk werde zudem die weiter voranschreitende Verschmelzung von Arbeits- und Privatwelt sein. Es werde eine große Herausforderung für die Arbeitgeber sein, diese Prozesse zu begleiten.

Dr. Reinhard Baumfalk und Dr. Burkhardt Joksch von Sartorius Stedim gaben anschließend ein Update zur Thematik Single-Use Produktionsanlagen und Automatisierung dieser. Der dynamische Markt verlange nach kostengünstigeren, skalierbaren Single-Use Komponenten. Genau diese Art von Anlagen sei schon verfügbar und verfüge über angepasste und funktionelle Single-Use Sensoren und Aktoren. Der dynamische Lebenszyklus dieser Single-Use Anlagen müsse noch durch entsprechende Automatisierungsansätze ergänzt werden, um der gewünschten Flexibilität dieser Anlagen gerecht zu werden.

Nach einer kurzen Mittagspause mit den Möglichkeiten zum Kennenlernen und Austausch ging es weiter mit Dr. Norbert Ettner, als Vertreter des CMOs Lonza. Er beschäftigte sich mit dem wissenschaftlichen Fortschritt mit Hinblick auf personalisierte Medizin und erläuterte ihre Chancen und Risiken. Als treibende Kräfte für den Fortschritt nannte er die fallenden Kosten von Gensequenzierungen sowie neue Hochdurchsatz Screening-Technologien. Ein weiterer Gesichtspunkt, der als großes Hindernis für personalisierte Medizin gilt, seien die klinischen Studien und damit verbundene Zulassung der Medikamente für jeden Patienten. Hierzu verwies er auf in-silico clinical trials, die die Zulassung basierend auf Computersimulationen ermöglichen sollen.

Als letzter Punkt auf der Agenda, bevor es zum Ausklang des Tages ins nahegelegene Brauhaus 4.0 ääh 2.0 gehen sollte, stand die jährliche Mitgliederversammlung der ISPE DACH Affiliate. Hier brachte ISPE DACH Vorsitzender Gunther Baumgartner alle Mitglieder und Besucher auf den aktuellen Stand der Organisation und stellte die Ziele für das kommende Jahr vor. Unsere Arbeit als Young Professionals wurde in diesem Zusammenhang besonders betont. Auf der Abendveranstaltung nutzten wir die Gelegenheit uns bei kühlem Bier und gutem Essen als Vertreter der Young Professionals den Beiratsmitgliedern und Projektpartnern persönlich vorzustelllen. 

Die Agenda des zweiten Tages war geprägt von detaillierteren Technologievorträgen aus der Automatisierungsindustrie und sollte Lösungsmöglichkeiten und Beispiele für die am ersten Tag gestellten Herausforderungen und Ziele hervorbringen.
Den Einstieg machten die Herren Matthias Kühn und Dr. Harald Stahl von der GEA Group. Sie widmeten ihren Vortrag hauseigenen Beispielen, die zum Fortschritt der Automation in der Pharmaindustrie beitragen. Ein weltweit verfügbarer Remote-Augmented-Reality (AR) Support, bei dem Fabrikarbeitern durch eine Verbindung mit einer AR-Brille „on-site“ Hilfe geleistet werden kann, kam bei dem Publikum gut an. Darüber hinaus erklärten sie anhand der Entwicklung einer Tablettenpressmaschine wie die Wege hin zu automatisierten und PAT-kontrollierten Produktionslinien laufen kann. Besonders beeindruckt waren wir von dem Fallbeispiel der Tablettenpressanlage der Firma Vertex. Durch die Implementierung von PAT-Systemen in Kombination mit feed-forward-loops war es möglich eine In-Line Prozesskontrolle zu realisieren. Dadurch werden aufwändige stichprobenartige Kontrollen obsolet. Schließlich schien uns, im Konsens mit vorangegangenen Präsentationen, dass eine solche Art von Quality-by-Design Prozessen den Grundstein für moderne Prozessentwicklung legen.

Als zweiter Referent trat Klaus Sauermann der ISPE Arbeitsgruppe „Plug and Produce“ vor das Publikum und stellte Fortschritte bezüglich ihres Projektes zu standardisierten Kommunikationstechnologien vor. In dem Projekt geht es darum, die Direkterkennung von neuen Geräten bzw. Produktionslinien zu ermöglichen, um Zeit bei der Einrichtung der Software zu sparen und komplizierte Kommunikationswege zu vermeiden. Er lud interessierte und ideenreiche Mitglieder ein, sich der Arbeitsgruppe anzuschließen und das 30 Personen große Team zu verstärken.

Als Studenten aus dem Bereich der Biotechnologie waren wir besonders gespannt auf den Vortrag von Björn Philipp Kloke, Head of Process Development bei BioNTech über personalisierte Krebs-Immuntherapie. Er gab eine kurze Lehrstunde in Sachen RNA-Technologien und beantwortete viele biologische Fragen seitens der Zuhörer. Die Therapie basiert auf der Identifizierung von persönlichen Tumormerkmalen (Oberflächenproteinen), deren RNA-Code anschließend in komplexierter Form den körpereigenen Immunzellen zugeführt wird. Daraufhin ist das Immunsystem der Patienten selbst in der Lage eine systematische Immunreaktion gegen die Tumore und ihre Metastasen einzuleiten. Im Vergleich zu konventionellen Therapien wird somit für jeden Patienten ein individuelles Medikament entwickelt. Daraus resultieren enorme Anforderungen bezüglich Schnelligkeit und Effizienz an den Herstellungsprozess. 

Christian Wölbeling präsentierte im Anschluss als zweiter Referent einer ISPE Special Interest Working Group unter dem Thema „Holistic Manufacturing Control Strategy“. Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich damit, „Best Practices“ zur Implementierung der Guidelines des International Committee of Harmonization (ICH) zu entwickeln. Der holistische Ansatz stieß im Publikum auf breite Zustimmung. Auch hier wurde die Young Professional Gruppe als zukünftige „Workforce 4.0“ noch einmal hervorgehoben.

Als abschließender Referent ergriff Michael Kaiser das Mikrofon und berichtete über den Weg zur digitalisierten Produktion 2025 von B.Braun aus der Sichtweise als Servicedienstleister. Externe Services sollen in Zukunft jederzeit aktuelle Informationen über Auslastung, Verfügbarkeit inkl. Prognosen für die Zukunft bereitstellen und in der Lage sein, flexible Vorgaben umzusetzen. Als Lösung stellte Dr. Kaiser einen serviceorientierten Ansatz vor, dessen praktische Umsetzung er zudem beleuchtete. Bis 2025 sollen so 90% der Produktionssysteme modular aufbaubar sein. Das Angehen der damit verbundenen Herausforderungen wurde seitens des Publikums mit viel Zuspruch quittiert.

Zusammenfassung: 

Der zweitägige Workshop verband die aktuellen Herausforderungen im Bereich der digitalisierten Pharmaindustrie mit den Entwicklungen mehrerer Firmen und präsentierte damit ein gebündeltes Bild des State of the Art in der Industrie. Der Einzug digitaler Technologien und die zunehmende Konkurrenz auf dem Markt treibt die Automatisierung vieler Prozesse und Personalisierung der Produkte und Dienstleistungen immer weiter voran. Neben der Entwicklung von billigeren, wirksameren und schneller verfügbaren Produkten wurden während des Workshops auch die Auswirkungen dieser (r)evolutionären Veränderungen auf die Arbeiterschaft thematisiert. Durch die jährliche Beiratsversammlung konnten wir, als Vertreter der YPs, uns den Mitgliedern des Beirates persönlich vorstellen und in den lockeren Gesprächspausen für unsere Projekte werben. 

Persönliche Statements:

Der Workshop gab mir viele neue und interessante Einblicke in die Pharma-Industrie. Die Vorträge thematisierten interessante Entwicklungen und Herausforderungen, über die man in den Fragerunden und Gesprächsrunden mit Experten aus allen Bereichen diskutieren konnte. Dieses persönliche Expertenwissen aus erster Hand eröffnet ganz neue Blickwinkel, auch auf den Inhalt der Vorlesungen an der Universität. Besonders bei den Social Events hat es mir gut gefallen, Führungspersonen aus der Industrie in lockerer Atmosphäre persönlich kennen zu lernen.  Ich kann daher nur jedem Studenten oder Berufseinsteiger sehr empfehlen, diese Erfahrungen ebenfalls zu machen.

Aus der Sicht eines Bioingenieurs ist es beeindruckend, zu sehen welcher organisatorische und entwicklungstechnische Aufwand hinter der ganzen Pharma-Industrie steckt. Alle Supplier und Automatisierungsentwickler arbeiten zusammen mit großen Pharma- und Biotech-Firmen, um die Vision Vollautomatisierung Realität zu machen.
Aus menschlicher Sicht hat mir der Dialog zwischen den verschiedenen Generationen und Stellungen in der Arbeitswelt, die alle das gleiche Ziel verfolgen, sehr gut gefallen. Auch als Young Professional wird man hier ernst genommen und hat ein Recht zur Mitsprache.